Die Farben- und Beschichtungsindustrie in Indien wächst rasant. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Sicherheit, Energieeffizienz und Anlagenverfügbarkeit. Jitendra Singh, Director Business Development bei Leadec Indien, erläutert im Interview, warum datengestützte Instandhaltung zum Erfolgsfaktor wird, welche Rolle industrielle Servicepartner bei ESG-Zielen spielen und wie Unternehmen ihre Produktionsstandorte für die Zukunft stärken können.
"Proaktive Instandhaltung ist der stärkste Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit"
Die Farben- und Beschichtungsindustrie arbeitet mit hochkomplexen Anlagen und strengen Sicherheitsanforderungen. Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die größten Herausforderungen, um die Verfügbarkeit von Produktionsstandorten in Indien dauerhaft hoch zu halten?
Die größte Herausforderung liegt darin, Sicherheit und Effizienz konsequent zusammenzudenken. In der Farben- und Beschichtungsproduktion sind Umwelt- und Arbeitsschutz klare Grundvoraussetzungen. Werden diese Anforderungen jedoch nicht sauber in die Abläufe integriert, können zusätzliche Komplexität und Verzögerungen entstehen.
Hinzu kommt der Faktor Qualifikation: Je stärker moderne Werke auf Automatisierung setzen, desto wichtiger werden gut ausgebildete Fachkräfte. Schulung und Mitarbeiterbindung sind damit nicht nur Personalthemen, sondern ein wesentlicher Baustein für Anlagenverfügbarkeit. Gleichzeitig arbeiten viele Produktionsstandorte in Indien noch mit älteren Anlagen, die ursprünglich nicht für digitales Monitoring ausgelegt waren. Digitale Wartungslösungen in diese bestehende Infrastruktur zu integrieren, erfordert deshalb gezielte Planung, technisches Know-how und Ausdauer.
Indien zählt zu den dynamischsten Farben- und Beschichtungsmärkten weltweit. Wie verändern sich die Anforderungen der Kunden – insbesondere mit Blick auf Produktionskapazitäten und technische Services?
Die Anforderungen verändern sich deutlich. Die indische Farben- und Beschichtungsindustrie entwickelt sich zu einem technologiegetriebenen Markt mit hohen Produktionsvolumina. Viele Unternehmen wechseln von kleineren Batch-Setups zu groß angelegten, automatisierten Greenfield- oder Brownfield-Anlagen. Ziel ist es, näher an den eigenen Kunden zu produzieren, mehrere Werke im Land zu betreiben und Skaleneffekte zu nutzen.
Der zunehmende Wettbewerb durch große neue Marktteilnehmer und der starke Ausbau der Infrastruktur erhöhen zudem den Druck auf Produktionskapazitäten und technische Services. Gefragt sind unter anderem schnelle, automatisierte Systeme zur Rohstoffdosierung sowie präzise Inline-Tinting-Technologien. Gleichzeitig wächst der Markt stark in spezialisierte Segmente hinein. Dadurch werden technische Services immer wichtiger: Aus einer klassischen Unterstützungsfunktion im Vertrieb wird ein echter Wettbewerbsfaktor.
Energie ist ein zentraler Kostenfaktor in der Farben- und Beschichtungsproduktion. Welche Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz haben sich bei Ihren Kunden besonders bewährt?
Besonders wirksam sind Maßnahmen, die technologische Modernisierung mit konsequenter Prozessoptimierung verbinden. Automatisierung und intelligente Monitoring-Systeme machen den Energieverbrauch in Echtzeit sichtbar. Werke können Ineffizienzen dadurch schneller erkennen und gezielt gegensteuern. Viele Standorte setzen außerdem auf Wärmerückgewinnung und optimierte HLK-Systeme, um Energieverluste zu reduzieren. Auch der Wechsel zu erneuerbaren Energiequellen wie Solarenergie sowie der Einsatz energieeffizienter Motoren und Beleuchtung zeigen Wirkung. Ein weiterer wichtiger Hebel sind strukturierte Wartungsprogramme: Sie halten Anlagen leistungsfähig, senken Energiekosten und tragen gleichzeitig zu einer stabilen Produktionsqualität bei.
Welche Rolle spielen industrielle Servicepartner, wenn Produktionsstandorte ihre ESG- und Klimaziele erreichen wollen?
Industrielle Servicepartner können hier eine Schlüsselrolle übernehmen – nicht nur als Dienstleister, sondern als Partner für nachhaltige Transformation. Sie bringen Fachwissen in Bereichen wie Energieoptimierung, Abfallreduzierung und Wassermanagement ein und unterstützen Werke dabei, Umweltstandards einzuhalten, ohne die Wirtschaftlichkeit aus dem Blick zu verlieren. Digitale Monitoring-Tools und vorausschauende Instandhaltung helfen, Emissionen und Ressourcenverbrauch messbar zu senken. Darüber hinaus unterstützen starke Servicepartner dabei, regulatorische Anforderungen einzuordnen, Mitarbeitende durch Schulungen zu sensibilisieren und standortspezifische Lösungen zu entwickeln – etwa bei der Integration erneuerbarer Energien oder bei Ansätzen der Kreislaufwirtschaft im täglichen Betrieb. So verbinden sie operative Exzellenz mit Nachhaltigkeit und stärken zugleich die langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
Viele Industrieunternehmen spüren den Mangel an qualifizierten technischen Fachkräften. Wie begegnet Leadec India dieser Herausforderung – und welche Fähigkeiten werden künftig besonders gefragt sein?
Leadec India setzt auf einen dreigliedrigen Ansatz: gezielte Rekrutierung, kontinuierliche Weiterqualifizierung und langfristige Bindung. Wir gewinnen Fachkräfte über regionale Teams und ein erfolgreiches Mitarbeiterempfehlungsprogramm. Gleichzeitig investieren wir in praxisnahe Schulungen direkt am Arbeitsplatz, um Kompetenzen in Automatisierung, Robotik und digitaler Instandhaltung aufzubauen. Um Talente zu halten, schaffen wir Entwicklungsperspektiven, bieten wettbewerbsfähige Leistungen und fördern eine starke Kultur der Einbindung. So können wir die steigende Nachfrage nach vielseitig qualifizierten technischen Fachkräften bedienen.
Wenn Sie einer Werksleitung nur eine Empfehlung geben könnten, um die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts nachhaltig zu stärken: Welche wäre das – und warum?
Meine wichtigste Empfehlung wäre: eine proaktive, datengestützte Instandhaltungskultur aufbauen – statt erst zu reagieren, wenn Probleme auftreten. Wenn Versorgungsdaten nicht mehr nur als Kennzahl für die Buchhaltung betrachtet werden, sondern als Echtzeit-Dashboard für den Betrieb, entsteht ein echter Mehrwert: Die Werksleitung kann Produktionskosten senken, die Lebensdauer von Anlagen verlängern und zugleich belastbare Daten für ESG- und regulatorische Anforderungen bereitstellen.






